Ein Plädoyer

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Ich sitze im Kajak. Auf Meereshöhe. Irgendwo im finnischen Autonomiegebiet Åland.

Mein Puls pocht. Und während die anderen der Gruppe es schaffen, ihre Boote durch elegante, kraftvolle Bewegungen aus der Bucht hinaus zu manövrieren, platschen meine Paddel irgendwie unkoordiniert aufs Wasser. Ich falle zurück. Mein gelbes Kajak und ich drehen sich orientierungslos im Kreis, während sich die Distanz zwischen mir und den anderen Paddlern stetig vergrössert.

Was tue ich hier? Warum tue ich mir das an?

Frage ich mich.

Ich mag es nicht, die Letzte zu sein. Gar nicht.

Ich sass zuvor noch nie in einem See-Kajak. Die Sonne scheint, die Stimmung ist gut und die karge Umgebung atemberaubend. Aber all das zählt für mich in diesem Moment nicht. Ich fühle mich als Versager! Verletzlich. Ungenügend. Habe Angst, anderen zur Last zu fallen.

Kennst du diese Gedanken?

Ich kenne sie gut. Wenn ich versuche, mit Ski oder Splitboard meinen Freunden zu folgen, die sich irgendwie unverschämt elegant durch diesen fiesen Bruchharst bewegen. Wenn ich eine neue Kletterroute in Angriff nehme und mangels Kraft oder Mut einfach stecken bleibe. Oder wenn mein Trailrun-Buddy im Steilhang innert weniger Minuten mit federnden Schritten und – gefühlt – anstrengungslos aus meinem Blickfeld verschwunden ist.

Ich vergesse dann, dass ich meistens ganz gut mitkomme und durchaus auch häufig vorne mit dabei bin.

In diesem Moment sind einfach die anderen stärker – leistungsfähiger, agiler. Talentierter?

Ich mag es nicht, die Letzte zu sein.

Die logische Konsequenz: Ich tue Dinge lieber nicht, wenn ich dabei Schwäche zeige!

Wie viele Touren und Abenteuer habe ich von Anfang an in den Wind geschlagen, weil ich Angst hatte, mein „Gesicht“ zu verlieren. Und wie häufig habe ich mir ein ganzes Abenteuer zunichte gemacht, weil ich mir vorwarf, eben diese Schwäche gezeigt zu haben. Vielleicht sogar zur Last gefallen zu sein.

Warum erzähle ich das?

Weil ich glaube – oder eigentlich weiss –, dass ich mit diesen Gedanken nicht alleine bin.

Und weil ich uns allen Mut machen will, diese sonst verpassten Abenteuer zu wagen. Neues zu lernen – auch wenn wir nicht von Anfang an – oder vielleicht auch nie – brillieren werden. Und. Den Moment unabhängig von der eigenen Leistung zu geniessen.

Da liegt unglaubliches Potenzial drin.

Wir verpassen so viel, wenn wir immer den Anspruch an uns haben, von Anfang an alles perfekt zu machen. Wenn wir uns von der Angst steuern lassen, nicht zu genügen.

Sich auf neue Dinge und Schwächen einzulassen und etwas nicht auf Anhieb zu beherrschen, braucht Mut.

Mut, den wir uns selbst und einander gegenseitig zusprechen können und sollten.

Zurück nach Åland.

Und zu einem kleinen Gedankenexperiment.

Stell dir vor, du selbst sitzt in diesem gelben Kajak. Als letzte Person der Gruppe. Alle anderen scheinen ihre Paddeltechnik bravourös zu beherrschen. Du hingegen bist mit Abstand die Person mit der wenigsten Erfahrung. Dein Gefährt driftet mal etwas nach links, dann wieder nach rechts ab. So mancher Paddelschlag geht ins Leere. Dein Puls pocht.

Und genau das macht dich stolz!

Denn genau so eignest du dir Schlag für Schlag langsam das Wissen an, das dich irgendwann schneller und sicherer übers Wasser bringen wird. Vielleicht nicht heute. Aber irgendwann.

Du bist stolz darauf, dass du hier bist. Dass du die Chance gepackt hast, etwas Neues zu lernen. Deinen eigenen Horizont zu erweitern. Aus deiner Komfortzone herauszutreten.

Dass du den Mut hast, die/der Letzte zu sein.

Eine ganz andere Perspektive, nicht?